Stolpernd auf dem Pfad der Liebe I

Teil 1 Da Saloon

Der Schneeregen weht mich in ein Café, an dem ich normalerweise nur vorbeilaufe, um zum Einkaufen zu tatteln oder bei der Post ein Paket abzuholen.
Der Besitzer telefoniert laut gestikulierend auf seinem Handy. Die schlabbrigen, verwaschenen Jogginghosen entsprechen seiner Attitüde: mein Laden, mein Wohnzimmer.
Die meisten der Tische sind leer. Einer der beiden älteren Herren, die hier Stammgäste zu sein scheinen, versucht, mit der Frau des Besitzers ein Gespräch über das Wetter einzuleiten, abgewürgt durch das alles übertönende Telefonat ihres Mannes und das Kindergequängel ihrer Freundinnen.
Ich habe mich entschlossen, die Bewegungen meines Herzens in Worte zu gießen und wundere mich, warum ich ausgerechnet in dieser Bleibe damit beginne. Ich will aufstehen und weiterziehen. Eine unerwartete Erinnerung hält mich zurück.

Vor einigen Jahren war dieser Ort einmal ein angesagter Club. Dann wurde er zu einem Cafe umgewandelt, mit wechselnden Eigentümern. Vor etwa 25 Jahren saß ich hier, so oft ich konnte. Ich war in den Bartender verliebt.
Angesprochen hat mich zuerst ein anderer Typ, der dort ebenfalls jobbte. Es schien eine nette, harmlose und freundschaftliche Begegnung. Als er mich zum Kaffee zu sich nach Hause einlud, war es nicht mehr so nett und schon gar nicht harmlos. Ein Mann, der zittrig um Sex bettelt. Eine Frau, die erstarrt die in Terracotta verputzten Wände hypnotisiert und versucht, die unangenehme Situation durch unerträgliche Konversation zu entschärfen:

„Toll, die Wände, wie in der Toskana.“

Würde mir nur der richtige Zauberspruch einfallen und die rauen Steine eine Geheimtür in die Freiheit offenbaren. Sesam öffne Dich. Nimm diese glasigen Blicke von mir. Das „zufällige“ Getatsche. Sesam, erlöse mich aus der Erstarrung des unausgesprochenen Ekels. Sesam, warum hälst Du mich gefangen? Sesam, lass mich frei.
Irgendwie bin ich der notgeilen Steinlaus entkommen.

Mit dem Bartender, auf den ich mein Herz geworfen hatte, war ich kurz darauf tatsächlich intim, wie man so sagt. Intim bezüglich physischer Aktivitäten. Vollkommen unpersönlich im Sinne echter Zuwendung.
Im Tanz der Schatten ist nichts persönlich im Sinne echter Zuwendung.

Der Besitzer hat aufgehört zu telefonieren. Er unterhält sich in gebrochenem Deutsch mit dem Gast, der das Gespräch gesucht hat:

„Wetter kalt. Regen. Ist keine weiße Weihnacht. Nicht diese Jahr.“

Solch einen Flash in meine Vergangenheit habe ich nicht erwartet, nicht an diesem verschlafenen Ort mit einsamen Besuchern, die hier ihren Akku mit menschliche Wärme füllen. Vorübergehende Raststätte, Tankstation. Welcome in the heruntergekommene Saloon, Berlin Schöneberg.

Ich werde hier nicht mehr hingehen.

Weil ich auf den Pfad der Liebe gestolpert bin, erlaube ich mir zu feiern, dass Erfahrungen, wie ich sie mit diesem Mann hatte, endgültig vorbei sind. Es kann zwar durchaus sein, dass ich weiter Menschen treffe, die mir nicht wirklich begegnen wollen oder können, aber ich werde nicht mehr zulassen, dass Sehnsucht und innerer Mangel mein Herz zu Konfetti schreddern, achtlos verteilt und aus grauen Pfützen verkatert wieder zusammengeklaubt. Auf dem eingeschlagenen Weg kann ich mir den fehlenden Mut vergeben, die Wirklichkeit zu schauen. Ein Hoch auf die liebende Löwenessenz, wild, aufrichtig und frei.

Mir ist dabei schmerzlich bewusst, dass ich mich auch jetzt in einer Situation befinde, die bisher keinen Raum geboren hat für eine innige Begegnung mit dem Mann, den ich liebe.

Es scheint gerade das zentrale Thema: Die Vergangenheit ruhen zu lassen und damit alte Verhaltenskrämpfe der Bedürftigkeit. Im freien Fall endlich gehalten sein. Konfettirausch.

Der harte Aufprall in der Wirklichkeit, nach dem wieder und wieder und wieder vergeblichen Versuch, sich an den haltlosen Wänden der konstruierten Realität einzukrallen.

Andere mögen auf dem Pfad der Liebe wandeln, schreiten gar. Wir stellen fest: Ich stolpere. Dennoch hatte ich diesmal die Tür zu einer echten Begegnung zumindest einen Spalt geöffnet. Ich muss mich nicht betrügen und mir erzählen, dass ich die Tür hätte aufreißen müssen, damit er hindurchgeht.
Ich muss mir dennoch eingestehen, dass es mehr als einen Spalt auch von meiner Seite aus nicht ging. Nicht jetzt.
Ich erlaube mir, die Traurigkeit darüber stehen zu lassen. Ich erlaube mir, die verschwitzten Hände wahrzunehmen, bei dem Gedanken, dass es, aus irgendeinem, jetzt nicht ersichtlichen Grund, doch noch zu einem persönlichen Gespräch und realer Nähe kommt.
Ich erlaube mir wahrzunehmen, dass ich große Angst habe vor einer echten Begegnung, wahrhaftiger Kommunikation und tiefen Gefühlen.
Kontrollverlust ist jedes Mal wie sterben.
Ich erahne dennoch, dass es einen verspielten Teil in mir gibt, der Spaß daran hat, sich genau dieser Herausforderung zu stellen. Immer wieder. 
Dieser Teil in mir, der das Leben liebt. Der unter meiner konstruierten Realität mehr leidet als allem anderen.
So lasse ich heute dieses Gebilde hinkender Sehnsüchte und daraus resultierenden, schiefen Erlebnissen in der Ecke dieses tranigen Ortes. Hier kann sie sitzen bleiben, wenn sie mag, aus dem Fenster sehen und die Wirklichkeit ungestört an sich vorbeiziehen lassen.
Ich danke ihr für ihre Begleitung, in der Zeit, in der ich dachte, das Leben, so, wie es ist, nicht ertragen zu können. Ich danke ihr für den Mantel ihrer Illusionen. Die Fasern haben mich nicht gewärmt. Im Gegenteil. Aber ich habe ihn offenbar gebraucht. Hier hast Du einen guten Platz zum verweilen. Die müden Kavaliere sind Dir vielleicht gewogen. Adieu!

Leave a Comment

UA-80187899-1 S

Pin It on Pinterest

%d Bloggern gefällt das: