Stolpernd auf dem Pfad der Liebe 2

Teil 2 Parallel lines

Kudamm, Literaturcafe.

Vorweihnachtliche Besinnlichkeit, während Palätinenser demonstrierend über den Kudamm ziehen.

Ihre Anklage durchschneidet die winterliche Abendluft, draußen, jenseits der hohen Jugendstilfenster mit Adventslametta.

Der dickbäuchige, gutbürgerliche Frieden hat in mir stets Widerstand entfacht. Widerstand und Sehnsucht. Diese kann ich mir nur mit Widerwillen eingestehen. Der selbstgefällige Herrschaftsanspruch meiner blaublütigen Vorfahren mag sowohl den Widerstand, wie auch den Wunsch nach wohliger Sicherheit erklären, in der es genügt dazuzugehören- Die Sehnsucht nach Frieden und Sicherheit ist keine Frage von Privilegien.

Palästina, ein Abbild zerfetzter Identität, entfernt, hinter den Tannenzweigen.

Ich bin mit dem Strom der Demonstranten gezogen, bevor ich in diese behütete Blase stieß. Ich weiß nicht, warum sie auf der Straße protestieren, das Anderssein, die Anklage der verlorenen (inneren) Heimat ist mir jedoch vertraut. Ich erkenne die Laute ächzender Entwurzelung. Ein Zusammenbruch ins Nichts. Ich weiß, dass Heilung darin liegt, wenn Wundsein nicht mehr da drüben, da irgendwo anders zu verorten ist. Wenn es umarmt wird als Herz des Menschseins.

Ich hatte mich darauf gefreut, meinen heutigen Gedanken ein Gesicht zu geben. Jetzt schäme ich mich. Ich sitze hier und schreibe und draußen verblutet die Welt.

Ich werde diese Zerrissenheit heute innerlich umarmen. Gebete können lediglich unser Gewissen besänftigen und damit die Wahrheit betäuben. Ein Gebet und nur ein Gebet ist allerdings auch fähig, Leid in göttliche Gnade zu betten. Dazu muss man nicht religiös sein. Echte  Anteilnahme mag genügen. Für die Schamanen sind Bekundungen wie: „Ich höre Dich“ oder „ich sehe Dich“ keine Floskeln, sie können einen „heiligen Raum“ öffnen, in dem Begegnung Balsam ist für die geschundene Seele. Dann gibt es kein „da draußen“ und kein „hier drinnen“mehr, vielleicht ein Ich und ein Du, als Umriss, um das, was sich im Herzen vereint und in Gott gehalten ist.

Ich betrachte die großflächigen Malereien an den Wänden des Cafes. Die Frau in dem Bild gegenüber blickt rehäugig zu mir zurück. Die Wohlbetuchten haben sich immer mit Künstlern geschmückt. Ein Gast, laut, grell, verstörend. 

Das nehme ich heute mit zu mir nach Hause. Es tut gut, bewegt zu sein, auch wenn es nicht immer angenehm ist. Angenehm ist die Ruhe. Zuviel Ruhe und man wächst aus seinen Füßen aufwärts zu einem Stein. Bewegt sein, ist lebendig sein.

Vielleicht wäre es einmal eine Idee, dass das, was ich in meinem Leben als da draußen ansehe, das, worin ich derzeit finde, dass sich nichts verändert oder nur schmerzhaft mehr und mehr zersplittert, auch das in meinem Herzen zu umarmen, jenseits der trügerischen Hoffnungen und abgespaltenen Selbstzentrierung.

Damit Heilung geschieht. Heilung. Impulse. Leben.

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