Stolpernd auf dem Pfad der Liebe 3

Teil 3  Vorweihnachtliches

Nach einem Spaziergang in der goldenen Sonne des letzten Neumondtages des Jahres, sitze ich zuhause mit warmem Tee und Kerzenlicht. Es ist bereits dunkel geworden, noch ehe der Tag richtig ausgeatmet hat.

Auf meiner Reise durch die Fremdheit war ich an Orten, die ein scheinbares Eigenleben innerhalb einer Realität hatten, wie Inseln der vorrübergehenden Glückselgkeit im Sturm des Lebens.

Das Literaturcafe als gesittete Kaffestube, während draußen Palästinenser ihre Menschenrechte einfordern.

Vielleicht waren aber auch nur die Palästinenser eine vorrübertreibende Blase im bürgerlichen Stuck mit Weihnachtsbeleuchtung.

Innen und Außen wohl eine Frage der Perspektive.

In einer abgelegenen Kirche in einem Hochhausbezirk am Rande der Stadt habe ich ein Adventsoratorium besucht. Eine Freundin hat dort mitgesungen. Orchester und Sänger waren sich nicht immer einig. Das hat den Genuss etwas gemindert. Das Gebäude nüchtern evangelisch und anonym, passend zur Umgebung.

Beim Anblick dieser gleichförmigen, mehrstöckigen Wohnwaben, in denen ich mich zunächst auf dem Weg zum Konzert verirre, wundere ich mich, ob Individualität nur denen zugestanden wird, die es sich leisten können. Armut ist wie der leere Schlund eines toten Tieres. Sich aus dieser grauen Starre zu lösen, erfordert Kraft, Disziplin, Entschlossenheit. Und Glück. Was immer das ist, Glück, von dem wir ganz erfasst werden, sobald wir ihm begegnen. Großspurige Reden schwingen, wenn es uns besucht und umso kleinlauter nach ihm jammern, wenn es unsere flehenden Einladungen auszuschlagen scheint.

Ich habe angefangen, in Begegnungen innerlich zu fragen:

Wer bist Du wirklich?

Die Bilder, die auftauchen sind durchaus überraschend und sehr unterschiedlich. Manchmal wird mir nur ein loderndes Feuer gezeigt. Oder eine lächelnde Sonne mit barocken Engeln zu Füßen eines gesichtslosen, goldenen Sensenmannes. Das Geschlecht ist nicht immer übertragbar auf den physischen Körper der jeweiligen Person. Bei weitem nicht jeder, mit dem ich näher zu tun habe, scheint mir auch wirklich verbunden zu sein. Die, die es womöglich wirklich sind, sehen mich meist direkt an. Die lächelnde Sonne mit lustvollen Putten und Gevatter Tod im Schlepptau hat mich nicht angeblickt. Sie war sich irgendwie selbst zufrieden.

Eine objektive Erkenntnis über Menschen gibt es nicht, womöglich aber Botschaften der Seelenlandschaft.

Vielleicht hilft es mir dabei, Beziehungen in meinem Leben neu zu ordnen. Meine Gefährten von durchreisenden Besuchern zu unterscheiden.

Zumindest hoffe ich das.

Ich hatte den Mann, den ich liebe, kürzlich gesehen. Ein tiefer Blick, ein flüchtiger Gruß. Es war nicht der Zeitpunkt zu fragen, wer er wirklich ist. Dieser Moment kommt. Früher oder später. Davor habe ich Angst. Angst, mich zu täuschen, wenn es ein Bild der Liebe ist, es womöglich so fehlzuinterpretieren oder traurig zu sein, wenn es sich in unverbindlicher Kälte offenbart.

Ich glaube zu wissen, dass das, was zu ihm aus meinen Tiefen emporsteigt, etwas zugewandtes ist. Einfach, weil es Liebe ist. Nichts und Niemand kann das verhindern bzw etwas an dieser Essenz ändern.

Seit gestern spricht mein innerer Mann mit mir. Ohne Vorwarnung, dafür mit Nachdruck. Er gibt mir deutlich zu verstehen, dass der, den ich liebe, bisher keinen Schritt unternommen hat, um mir näher zu sein. Daher sei es dringend an der Zeit zu gehen und daher hat er, seiner Meinung nach, auch keinen weiteren Gedanken verdient. Nicht, weil er es nicht wert ist, sondern weil er sich bisher nicht als potentieller Partner offenbart hat. Mein innerer Mann räumt ein, dass er vielleicht nicht mit mir spielen will und es durchaus sein kann, dass er aufrichtige Gefühle hat, es aber zu einem Spiel verdorben ist. Stehende, modernde Gewässer.

Traurig ist, dass ich dazu einiges beigetragen habe in meinem Warten und Hoffen. Die Disziplin, die mein innerer Mann einfordert, dieser Wahrheit ein Gesicht, ein Herz und ein Handeln zu geben, tut weh, und es ist der einzige Weg heraus aus dem Spiegellabyrinth der Illusion.

Ich glaube, dass ich bereit bin, wahrhaftig zu lieben. Vielleicht schlottern mir vor Angst die Knie. Vielleicht brauche ich einen Fluchtkorridor, durch den ich immer mal wieder kurz verschwinde, aber ich weiß, ich bin bereit.

Diese Bereitschaft, gepaart mit der Disziplin, keine Luftschlößer mehr zu bauen in der irrigen Erwartung, darin wohnen zu können, wird etwas in meinem Leben verändern. Vielleicht ist die reale Beziehung nicht so aufregend wie die Welt der Gedankenschäume, aber ich kann darin beginnen, mich Stück für Stück einzurichten. Mit jeder neuen Entscheidung für die Realität bewege ich mich weiter in Richtung Verbindlichkeit. Er kreuzt womöglich plötzlich meinen Weg und steht da, direkt vor mir: Hello again, isch sag` einfach hello again. So, oder so ähnlich.

Es ist nicht in meiner Hand zu bestimmen, wann das geschieht, noch nicht einmal ob. Ich weiß, dass mein Herz weiß, aber es bleibt dennoch dabei, dass dies im Vertrauen fusst, in den unendlichen Tiefe jenseits der Zeit und der Materie. Jetzt und hier bin ich allein. Ich erdulde die Traurigkeit, die durch diese Leere rinnt. Es erfordert Disziplin, sie nicht zum bleiben zu ermuntern. Die Freude des Herzens entfacht eine Strömung, sie fliessen zu lassen. Nach Hause. Dahin, wohin jede Traurigkeit zu münden sucht: Nach Hause.

Wintersonnenwende. Das Licht kehrt zurück. Our sacred mother turns the wheel again.

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