Spielball oder Schöpfer

 

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Dies ist der ganze Verdienst des Menschen, dass er all‘ seine Hoffnung auf Gott setze“

Bernard de Clairveaux

 

Der Zisterziensermönch und christliche Mystiker Bernhard de Clairveaux (1091-1153) war einer der einflussreichsten Theologen seiner Zeit. Jeder, der schon einmal eine gotische Kathedrale besucht hat, ahnt, wie konträr sich dieses mittelalterliche Weltbild zu heutiger Esoterik verhält. Nichts Schmückendes soll, so Clairvaux, von der Begegnung mit Gott ablenken.

Die Kirche als überwältigender Kosmos, in dem der Mensch nichts als ein Sandkorn ist.

Das Leben im Mittelalter, geprägt von Seuchen, Kriegen und Hungersnöten, war ausgerichtet auf ein erlösendes Jenseits und einen allmächtigen Gott.

Die Scholastiker, die man als Hauptströmung in der mittelalterlichen Philosophie bezeichnen kann, waren zwar um eine kritische Auseinandersetzung in Glaubensfragen bemüht, dennoch ist auch hier der allgewaltige Gott Dreh-und Angelpunkt: „ Komm, Heiliger Geist, komm und erbarme Dich meiner, bereite mich Dir zu und lass Dich in Gnaden zu mir herab; so dass Deiner Größe meine Niedrigkeit und Deiner Stärke meine Schwachheit nach dem Reichthum Deines Erbarmens gefallen möge“* (Anselm von Canterbury).

Spätestens mit der Aufklärung und bedeutenden Köpfen wie Charles Darwin und René Descartes beginnt der Niedergang göttlicher Omnipotenz. In den Mittelpunkt rückt nun das rationale Denken und das Gesetz natürlicher Auslese.

In der Mitte des 20. Jahrhunderts beginnen Quantenphysiker zu ergründen, dass der Hauptausdruck des Lebens Kommunikation ist und nicht, wie von Darwin untersucht, das Prinzip der Auslese. Dies scheint jedoch zunächst keinen Einfluss auf das allgemeine Denken zu haben. Erschüttert durch das Grauen zweier Weltkriege, floriert der Materialismus und das „Recht des Stärkeren“. Wer es „geschafft hat“, ist finanziell erfolgreich. Quantität zählt. Das „Ich“ ist bedeutender als das „Wir“.

Dieser Individualismus und Materialismus zeigt sich ebenfalls in der Spiritualität.

Zu Zeiten von Hildegard von Bingen, Anselm von Canterbury, und Bernard de Clairvaux waren philosophisch-theologische Diskurse fast ausschließlich den Klosterbewohnern vorbehalten.

Wurde jegliche Form von Glauben oder Mystik früher von Laien erforscht, dann meist nur im Verborgenen.

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts beginnt die Spiritualität, sich aus ihren geheimen Zirkeln zu emanzipieren, wobei die esoterischen Strömungen des letzten halben Jahrhunderts dabei als ein Kontrapunkt zu den Glaubensbildern vergangener Zeiten erscheinen.

Spiritualität ist inzwischen zu einem gewinnbringenden „Marktplatz“ geworden, auf dem sich immer neue Lehrer mit teilweise sehr unterschiedlichen Erkenntnissen präsentieren und anbieten. So unterschiedlich diese Lehren auch sein mögen, für die meisten von ihnen gilt, dass das Individuum gottgleich seine eigene Realität kreiert. Auf einmal ist es nicht mehr göttliche Strafe oder Gnade, alles scheint in unserer Hand zu liegen. Endlose „How to do it“ Bücher füllen die Bestsellerlisten, von denjenigen, die es „geschafft“ haben. Reichtum, Liebesglück, Gesundheit. Auf einmal scheint alles nur eine Frage des „richtigen“ Programms zu sein. Führt das nicht zum gewünschten Erfolg, belegt man Seminare und Workshops oder wird gar Anhänger eines Gurus. Die Entwicklung unserer Werte seit den Zeiten der Aufklärung, wie auch in jüngerer Vergangenheit die Entstehung des sogenannten New Age haben die Menschen mehr und mehr von den Dogmen der Kirche entfremdet. Gleichzeitig sind wir jedoch zu Gefangenen unseres überhöhten Selbst geworden. Leistung gilt heute als Messlatte eigener Wertigkeit. Stellt sich der „Erfolg“ nicht unmittelbar ein, haben wir versagt. Müssen wir noch mehr Kurse besuchen, noch mehr an uns arbeiten. Nicht genug, wenn man von Schicksalsschlägen wie schwerer Krankheit, Todesfällen oder Ähnlichem heimgesucht wird. Man ist auch noch mit Scham behaftet ob der Umstände, in die man geraten ist. Göttliche Fügung oder äußere Einflüsse scheinen keinerlei Wirkkraft zu besitzen. Wir präsentieren stolz unsere Triumphe auf Facebook, Twitter und Co und leiden im Stillen.

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Die Autorin Esther Hicks, oder auch „Abraham“, wurde mit dem Film zu dem Blockbuster „The Secret“ von Rhonda Shimes berühmt. Das große, gelüftete „Secret“, also Geheimnis: Du kannst alles erreichen, Du musst es einfach wollen und Dich gut dabei fühlen. Nicht nur unter Esoterikern wurde ihr „ law of attraction“ von jedem und seinem Hund bis zum Erbrechen nachgekaut. Dieses Gesetz besagt, dass wir nur bekommen, was wir energetisch einladen. Als ihr Mann, Jerry Hicks, an Krebs stirbt, wurde sie von ebenso vielen attackiert und mit Häme überschüttet. Alles muss funktionieren. Muss es?

Sind wir nicht viel mehr von einem Extrem ins andere gekippt? Geht es nicht eher darum, die eigene Schöpferkraft zu nähren und ihr so viel Raum zu geben wie möglich und gleichzeitig anzuerkennen, dass wir nur ein Teil innerhalb eines Unendlichen sind?

Ist es nicht gesünder anzunehmen, dass es ein „Law of attraction“ geben mag, aber dies nur ein „Gesetz“ unter vielen ist? Ist es nicht ebenfalls interessant zu beobachten, dass sowohl das Mittelalter das „Gottgegebene“dazu missbrauchte, Menschen zu knechten (was auch der Adel für sich zu nutzen wusste), wie auch das heutige Extrem des „Tellerwäscher-zum-Millionär“ Mythos vor allem denen dient, die nie einen Teller säubern mussten?

Viele dieser neuen, meist selbsternannten Lehrmeister predigen, dass wir es in der Hand haben, wie auch, dass alles verbunden ist. Wenn wir aber mit Allem im Austausch sind, ist es ein Widerspruch in sich, dass wir allein für die Ereignisse in unserem Leben verantwortlich sein sollen. Wir sind bestenfalls Co-kreatoren. Nicht mehr und auch nicht weniger.

Wir sind machtvoll und ohnmächtig zu gleich. Es ist nicht unbedingt unsere Schuld, wenn wir durch schwere Zeiten gehen, noch ist es ausschließlich unsere Großartigkeit, wenn wir Erfolge feiern. Alles ist permanent in Bewegung. Wir beeinflussen ständig und werden beeinflusst. Konstruktive Gedanken und positive Gefühle sind überaus hilfreich, jedoch immer eingebettet in Alles, was ist.

In spirituellen Kreisen spricht man von den Anfängen des Wassermannzeitalters, in dem wir gerade leben, dass mit den Erkenntnissen der Quantenphysik und den Umbrüchen der Hippiebewegung geboren wurde. Damit einhergehend wird die Rückkehr der Göttin ausgerufen. Die Göttin steht u.a. für Verbundenheit, Chaos und unendliche Potentialität. Die Quantenphysik und Chaosforschung weisen ebenfalls in eine ähnliche Richtung. Damit will ich nicht sagen, dass diese wissenschaftlichen Erkenntnisse zwangsläufig spirituell einordbar sind, noch dass ich mir anmaße zu begreifen, wie die Quantenphysik funktioniert. Ich möchte damit eher darauf verweisen, dass wir, wie Bernard de Clairvaux oder Rene Descartes Kinder unserer Zeit sind und damit auch unser Glauben, unsere Kultur und unsere Einsichten. Oder um einen renommierten Quantenphysiker, Hans-Peter Dürr, zu zitieren: „Die Schöpfung ist eine schöne Frau, die sich im Spiegel (der Materie) erkennt.“ Hans-Peter Dürr (1929-2014) .

NEWYork

Die sozialen und technologischen Entwicklungen der letzten hundert Jahre, wie auch die Erkenntnisse der Quantenphysik haben einen Umbruch eingeleitet, dessen letztendliche Ausmaße für uns nur erahnbar sind. Hans Peter Dürr warnte bis zu seinem Tod davor, dass wir als Menschheit nicht überleben, wenn wir die Ergebnisse der Quantenphysik zwar nutzen, sie aber nicht in unser Weltbild aufnehmen. Wenn wir nicht lernen zu begreifen, was es wirklich bedeutet, dass wir uns nicht mehr in einem entweder/ oder bewegen, sondern vielmehr in einem sowohl / als auch. Dass Verbundenheit nicht nur Verantwortung für sich selbst, sondern für alles Lebendige mit einbezieht.

Mir scheint, dass die Ich-bezogenen Paradigmen der „law of attraction“ Anhänger und profitbesessenen Kapitalismus-Befürworter Endausläufer patriarchialen Denkens sind, trennend und leistungsorientiert. Daran ist per se nichts falsches. Es ist die Dosierung, die krank macht und Leiden verursacht. In früheren Zeitaltern schienen wir Spielball göttlicher und irdischer Kräfte zu sein. Heute überhöhen wir unser Ego und überschätzen unsere Möglichkeiten. Generation Selfie. In einer Gesellschaft, in der es mehr auf Gewinnmaximierung als auf Wertschöpfung ankommt und das Du zum Statisten für unsere Selbstdarstellung reduziert wird, ist der Fall vorprogrammiert. Depressionen, Burn Out, innere Leere sind nur ein paar der Auswirkungen, unter denen wir leiden. Ganz zu schweigen von der Ausbeutung menschlicher Ressourcen und unserer Umwelt. Tief in uns wissen wir, dass wir weder für unser künstliches Abziehbild geliebt werden, das wir der Welt präsentieren, noch dass unser Leben bis ins letzte Detail kontrollierbar ist.

Wenn wir selbst in der Spiritualität keine Hilfe mehr finden, weil alles auch dort nur noch eine Frage des individuellen Top oder Flop ist, ist es vielleicht Zeit für einen Paradigmenwechsel. Es scheint die Zeit gekommen, in der sich das Pendel von einem Extrem zum Anderen in der Mitte einschwingt. Wir hoffentlich wieder annehmen lernen, dass wir in etwas Größeres eingebettet sind, ohne in eine mittelalterliche Demutsstarre zu verfallen. Sowohl als auch.

Der Psychiater und Begründer der analytischen Psychologie, Carl Gustav Jung (1875-1961), teilte die geistigen Entwicklungsstufen der Menschheitsgeschichte in drei Gruppen:

1. Das magisch-weibliche Prinzip

Im magisch-weiblichen Prinzip ist alles eins und beseelt. Das Göttliche wohnt in der Natur und ihren Geistwesen. Alles was existiert muss milde gestimmt werden. Für jeden Lebensbereich gibt es Wesenheiten bzw. einen zuständigen Gott, den man durch Rituale und Opfer ehrt und damit bittet, die Gebete zu erfüllen. Man ist zwar dem Willen unsichtbarer Kräfte ausgeliefert, glaubt diese aber durch unendlich viele Verhaltensweisen und Gaben beeinflussen zu können.Über allem thront die nährende,lebensspendende, wilde-und daher manchmal durchaus auch grausame- dreifaltige Göttin (bestimmt durch die drei Mondphasen: Vollmond, Neumond, ab-und zunehmender Mond). Für jedes Ereignis gibt es dabei eine magische Erklärung. Der Mensch ist eins mit seiner Umwelt, aber in seiner Weltsicht von den symbolischen Bildern des Unterbewussten gefangen.

2. Das trennend-männliche Prinzip

Es gibt einen zeitlich fließenden Übergang von Göttinnen-Verehrung hin zu der Dominanz männlicher Götter. Die griechische Mythologie ist ein Beispiel dafür. Wurden im antiken Griechenland immer noch mehrere von ihnen verehrt, verschwindet der Polytheismus endgültig mit den Anfängen des Christentums und des Islams. Der forschende und trennende Geist erhebt sich aus dem Meer des Unterbewussten. Der Mensch ist per se sündig und kann nur durch Gott, oder stellvertretend die Kirche, erlöst werden. Mensch, Natur und Gott sind nicht mehr eins. Ist im Mittelalter noch Gott der Allmächtige und die Kirche auch als Bauwerk Abbild seiner Dominanz, verlagert sich diese Alleinherrschaft mit der Aufklärung mehr und mehr in Richtung Rationalität. Es heißt nicht mehr:“ Ich glaube, damit ich verstehe“ (Anselm von Canterbury), sondern „Ich denke, also bin ich“ (René Descartes)

3. Das Verbindend weiblich-männliche Prinzip

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Am Ende seines Lebens prophezeite Carl Gustav Jung die „Auferstehung“ des weiblichen, des bis dato im Christentum dämonisierten Prinzips. Erlösung ist nicht mehr eine aufs Jenseits gerichtete Vorstellung, sondern etwas, was der Materie innewohnt. Der Körper als Tempel, in dem das Göttliche in jeder Zelle pulsiert und wirkt. Für ihn war der Teufel das dämonisierte Fleischliche und Natürliche, dass mit seinen Bedürfnissen dämonisiert und damit abgespalten wurde und als verdrängte Energie im Unterbewussten zu Fanatismus und unkontrollierbarer-da verdrängter-Gier mutierte. In „Antwort auf Hiob“ beschreibt er die Geburt Jesu als einen fleischgewordenen Ausdruck göttlicher Vergebung und damit als eine Antwort auf einen vormals rachsüchtigen, alttestamentarischen Gott. Ebenso war er überzeugt, dass neue Glaubensrichtungen entstehen würden, die körperliche und geistige Welt vereinen.

Die Schamanen Südamerikas sprechen von „the return of Quetzalcoatl“, die Wiederkehr der gefiederten Schlange als Teil der Maya-Prophezeiungen. Für sie war das Datum 21.12.2012 kein Ende, sondern ein Neuanfang. Das Symbol der gefiederten Schlange vereint irdische Begierden und Weisheit (Schlange) mit göttlicher Energie (Flügel). Sowohl / als auch. (siehe auch Artikel „Schamanismus-eine Einführung)

Diese Auferstehung des weiblichen Prinzips bedeutet für uns heute sicherlich auch eine Aufarbeitung unserer verdrängten Anteile. Daher ist dieser Beginn eines neuen Denkens, Fühlens und Handelns – auch einhergehend mit einer Zeit der Reinigung und Heilung, aber ebenso die Öffnung zu neuen Sichtweisen. Das erfordert Geduld, Vergebung und Loslassen.

Sowohl/ als auch bedeutet für mich, dass wir lernen die Balance von Gut und Böse, Männlich und Weiblich, Geben und Nehmen, etc. wahrhaftig zu integrieren, sowie auch, dass wir als Teil eines großen Ganzen alles beeinflussen, jedoch gleichzeitig ständig beeinflusst werden. Für kommende Generationen in fernerer Zukunft mag es andere Herausforderungen geben, diese genannten jedoch, scheinen mir die Herausforderungen unserer Zeit zu sein und es sind beileibe keine geringfügigen.

Wenn Hans Peter Dürr Recht hat, ist es nicht nur Zeit, unsere Sicht zu verändern, sondern unabdingbar, wenn wir als Menschheit überleben wollen.

*Friedrich Galle „Geistige Stimmen aus dem Mittelalter

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